Walpurgis
Es ging abermals hinaus ins Freie, diesmal sollte auch die Fliegenpilzzeremonie im Freien stattfinden. „Wie wird das wohl werden auf dem harten Waldboden?“ fragte mein ängstliches Ich. Ganz leise hörte ich es, es war seit der ersten Jahreskreisfeier viel kleiner geworden. „Schön natürlich“, antwortete ich mit Überzeugung.
„Stimmungsvoll“ wäre vermutlich der bessere Ausdruck gewesen. Walpurga hatte Birkenzweige mitgebracht, der Kranz fürs Haar war schnell gewebt. Zwei Handgriffe – fertig. „Wieso kann ich das“, fragte ich mich leise, ich bin bei solchen Dingen sonst denkbar ungeschickt. Und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich das schon öfter gemacht habe, früher einmal … in einem der vorigen Leben.
Die Mädchen und Frauen schmückten den Kranz, die Männer trieben den Pfahl in die Erde. Und dann stand er da, unser Maibaum, Symbol für die himmlische Hochzeit. Der Platz war geschmückt, die Lieder gesungen, die Tänze getanzt, Walpurga hatte von ihrem Fest, von Walpurgis erzählt. Zeit für die Begegnung mit dem Fliegenpilzmädchen!
Der harte Waldboden und die langsam kälter werdende Luft waren sofort vergessen, als die Wirkung des Fliegenpilzschnaps einsetzte. Es wurde eine phantastische Reise, die mich tief hinab und ganz nach oben führte. Ich hatte Mühe, wieder in der Wirklichkeit anzukommen. So geht es mir bei jeder schamanischen Reise: Ich wäre gerne dort geblieben!
Meine schamanische Reise zur Walpurgis mit dem Fliegenpilz:
Dunkelheit umhüllt mich. Ich sitze in einem riesigen Oval, ähnlich einem Ei. Mit unglaublicher Geschwindigkeit platzen viele, viele Schalen dieses Eis ab. Übrig bleibt eine transparente Hülle, die mich umschließt und schützt. Doch ohne Zögern verlasse ich diese letzte schützende Hülle und tauche ein in die Dunkelheit. Und fühle mich – zu meiner Überraschung – noch beschützter, noch geborgener als innerhalb der Schutzhülle. Das innere Kind, das endlich frei und gleichzeitig geborgen ist.
Ich sehe aus der Vogelperspektive eine Kleinstadt irgendwo zwischen grünen Feldern und Wiesen. Klein und unbedeutend scheinen auch die Probleme der Menschen aus dieser Perspektive, ihre kindischen Streitereien, ihr Machtstreben, ihre Gier. Und ich denke daran, um wie viel friedlicher diese Welt wäre, wenn wir alle auf das kleinliche Gezänk, auf die Be- und Verurteilung der Menschen verzichten würde.
Plötzlich werde ich mit großer Kraft emporgehoben, höher und höher hinauf. Alle Hüllen, die mich noch fesselten, alle Ängste, Sorgen, Unsicherheiten, fallen von mir ab. Es ist als ob dicke graue Betonwände von mir abfallen. Ich werde durch die Wolkendecke gehoben. Mein Körper und mein Ego lösen sich in dem Moment auf, in dem ich mit dem hellen goldenen Licht verschmelze, das sich oberhalb der Wolken ins Unendliche ausbreitet.
Mittlerweile ist die Frühlingsenergie der Sommerenergie gewichen. Alles grünt und blüht, die Natur schenkt uns Farben und Düfte im Überfluss. Ich freue mich auf Litha.

